Bad Vilbel: Liebe Leserinnen und Leser, morgens lese ich das Bibelwort für 2012 „Jesus spricht, meine Kraft ist in den Schwachen mächtig". Ich seufze, soll ich wieder beschwichtigen: Du bist zwar schwach, krank, klein, hässlich oder was immer, aber eigentlich...? Erst mal weg den Text.
Nachmittags „zwischen den Jahren" treffe ich mich mit zwei Klassenkameraden, „Weißt-Du-noch-Geschichten" kursieren da nach 43 Jahren Abitur. Irgendwie kommen wir auf einen unserer Lateinlehrer zu sprechen, klein, dicklich, rund und freundlich war er. Unverheiratet, hinter der Hand wurde in den 60er Jahren getuschelt, dass er dieses Andere, damals Unaussprechliche sei... Also, mit Frauen hätte er es nicht... Andere behaupteten, seit einer unglücklichen Liebe zu einer Referendarin sei er für Zweisamkeit verloren. Na ja, was halt so erzählt wird.
Seine Art mit uns Schülern umzugehen war uns viel wichtiger; er war einer der wenigen, die vom Sextaner bis zur Oberprima jeden ernst nahmen. Erklären konnte er meisterlich, manchmal roch er Fragen und Unklarheiten, ehe sie geäußert wurden. Mit Eltern konnte er gut umgehen, auch mit meinen, wenn Sie wieder mal sorgenvoll sich über die schleppenden Latein- und Griechischfortschritte ihres Sohnes erkundigten.
Dabei schonte er niemanden mit seinen Noten, er galt als gerecht und war es wohl auch, eine 2 von ihm oder eine 5, es hatte seine Berechtigung, selbst die Schüler wussten das. Er war beliebt, auch unter den Kollegen, trotz der Redereien über seine Eigenarten. Der Schulunterricht war wohl sein Leben. Trotzdem war niemand sein Freund, Gefährtin oder Gefährte.
Bald nach seiner Pensionierung setzte er selbst seinem Leben ein Ende... Seine Beerdigung war von Hunderten von Schülern besucht.
Stark war er wohl, was uns Schüler anging, schwach in Bezug auf sein Leben. Fest im Glauben? Er war regelmäßiger Besucher des Gottesdienstes einer Kirchengemeinde. War Kraft in ihm mächtig? Wenn ich auf sein Ende sehe, wohl kaum, aber was weiß ich schon. Doch, das Eine weiß ich, für mich lebte er seinen Beruf aus Liebe, das war bei allen seinen Schwächen spürbar, das war überzeugend, er war ein pädagogischer kraftvoller Überzeugungstäter.
Er achtete die Eigenständigkeit, den Wert der anderen Menschen, der Großen und der Kleinen. Er hat mir Selbstvertrauen, Kraft in mich zu setzen geschenkt. Da fängt die Liebe an. War in ihm die Kraft, von der Jesus spricht? - Es ist wohl ein Wunder, lieben zu können, ein noch größeres, geliebt zu werden. Beides braucht es lebensnotwendig zum Leben. Ich wünsche Ihnen für 2012 Begegnungen mit beiden Wundern.
Einen gesegneten Jahresbeginn wünscht Ihnen
Ihr Pfarrer Werner W. Krieg
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| Evangelische Kirchengemeinde Massenheim |
01.01.2012
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