Bad Homburg: Die einen wohnen oder arbeiten in einem von Louis Jacobi gestalteten Gebäude oder sind Eigentümer eines solchen und haben so eine besondere Beziehung zum Werk des Homburger Architekten - sie erleben tagtäglich Jacobi „hautnah". Die Vorfahren der anderen haben - als Malermeister, Schlossermeister oder Dachdeckermeister - vor mehr als hundert Jahren Jacobis Entwürfe umgesetzt. Am Sonntag kamen sie alle; die geladenen Gäste waren zugleich die Hauptakteure der Veranstaltung in der StadtBibliothek.
In ihrem Grußwort bedankte sich Kulturdezernentin Beate Fleige für den regen Zuspruch; aus dem Funken, den die Architektin Ruxandra-Maria Jotzu mit ihrer Begeisterung für Jacobi letztes Jahr ins Rathaus gebracht habe, sei 2010 ein richtiges „Jacobi-Feuer" entflammt. Vielen Homburgern sei erst jetzt bewusst, wie sehr der Baumeister ihre Stadt geprägt habe. Damit auch nach der Ausstellung die Erinnerung wach bleibt, hat die Architektin im Auftrag der Stadt eine Jacobi-Broschüre und einen Stadtplan als „Jacobi-Rundgang" erstellt.
Die Finissage sei, so Fleige, fast wie ein Familientreffen; die vielfältigen Querverbindungen, die Jotzu in ihrem Einführungsvortrag hervorhob, gaben ihr Recht.
Philipp Lepper hatte 1863 die Monumentalfigur der Germania für die von Jacobi geplante Sängerhalle gemalt, 1905 entwarf Jacobi einen Seitenbau für Philipps Sohn, den Weißbindermeister Louis Lepper, der sein Anwesen in der Löwengasse erweitern wollte. Sein Enkel, Lutz Lepper, der die Familienfirma in der vierten Generation weiterführt, arbeitet oft mit der Dachdeckermeisterin Andrea Sadtler zusammen, die ihrerseits die traditionsreiche Firma Sadtler in der 7. Generation leitet. Einer ihrer Auftraggeber ist M.-P. Stoll, der Inhaber der von Jacobi umgestalteten Engel-Apotheke, dessen Nachbar kein anderer als der Gründer des Café Eiding ist, ein Gebäude, das 1906 von Jacobi umgestaltet wurde .... und so könnten die Kreise weitergezogen werden...
Die lockere, anregende Diskussionsrunde bot den interessierten Zuhörern Gelegenheit, Louis Jacobi aus der Perspektive von heute zu erleben - wie ist es, wenn man ein denkmalgeschütztes Gebäude am Leben erhalten will? Aus ihren vielfältigen Erfahrungen berichteten u.a. Dr. Cora Menkens (Hirsch-Apotheke), Paul G. Irmer, der Geschäftsführer der Kur- und Kongreß GmbH Ralf Wolter und nicht zuletzt Ulrike Schneider, die gerade mit großem Aufwand die Fassade des Jacobi-Hauses in der Dorotheenstraße restaurieren lässt.
Wie die besten Kieselsteine für diese Fassade ausgesucht wurden, darüber konnte Wilhelm Hett berichten, denn es war die Firma Hett aus Kirdorf, die 1880 für Jacobi die Baumaßnahme durchgeführt hatte, und kein anderer als Wilhelm Merle - dessen Urenkel, der Schlossermeister Karl-Wilhelm Merle, bei der Finissage ebenfalls dabei war - hat damals das Tor des Anwesens geschaffen.
Dr. Werner, der bei der Renovierung des Hauses Friedrichstraße 9 auf eine illusionistische Wandmalerei stieß, berichtete auch von seiner Suche nach den Vorbewohnern des Hauses, und darauf kam Ursula v. Aswegen-Schmalfeld, die ihre Kindheit in dem Haus verbracht hatte, zu sprechen. Sie, die den längsten Weg nach Bad Homburg hatte (sie wohnt heute südlich von München), ist auch den längsten Weg zurück in die Historie des Hauses gegangen, indem sie versucht, die Spuren der jüdischen Vorbesitzer zu finden. Die einzelnen Geschichten der Teilnehmer verbanden sich so zu einem Stück Geschichte.
Viele bedauerten, dass die Ausstellung schon zu Ende sei. Kulturdezernentin Beate Fleige konnte sie beruhigen: 2011, anlässlich des 175. Geburtstages von Louis Jacobi, wird es erneut eine Ausstellung geben, die an die diesjährige Veranstaltung anknüpft, und vertiefend einige der Themen aufgreift. Dabei werden nicht nur die Neuzuschreibungen des Jahres 2010 dokumentiert, sondern auch die „Wiederentdeckungen", wie das Haus der Familie Sadtler oder Lepper, anhand von Dokumenten aus dem Firmenarchiv präsentiert.
Die letze Jacobi-Architekturführung des Jahres findet am 7. November statt; Ruxandra-Maria Jotzu führt auf den Spuren des Homburger Baumeisters durch die Innenstadt. Die Teilnehmer treffen sich um 11.00 Uhr in der Dorotheenstraße vor der Marienkirche. Anmeldung unter 06172-451447 oder architektur@jotzu.de.
02.11.2010
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