„Ich bringe selbst Steine zum Denken"
Frankfurt: Einem "anderen Courbet" als dem Vertreter einer realistischen und sozial engagierten Malerei will sich diese große Ausstellung zum Jahresende widmen. Träumerische Bilder, Menschen im Schlaf oder Halbschlaf dargestellt und verwunschene Stillleben zeugen von einer bislang weniger erforschten Seite des französischen Künstlers.
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Gemälde "Die Steinklopfer" |
Ein kräftiger Mann, schwarzbärtig, mit vollem Haar und markanter Nase - so tritt uns Gustave Courbet (1819-1877) in seinen Selbstbildnissen entgegen. Mit ihm will die Schirn Kunsthalle Frankfurt vom 15. Oktober bis 30. Januar 2011 einen "der faszinierendsten Künstler des 19. Jahrhunderts" in einer großen Ausstellung unter dem Titel "Ein Traum von der Moderne" vorstellen. Bereits zum zweiten Mal gibt es damit eine umfassende Präsentation von Werken des französischen Malers in Frankfurt.
Politisch engagierter Künstler
Gustave Courbet wurde 1819 in Ornans in der Region Franche-Comté als Sohn einer gutbürgerlichen Familie geboren. Als berühmtestes Beispiel seiner sozial engagierten Kunst gilt das Gemälde "Die Steinklopfer", das den harten Alltag der Tagelöhner vor Augen führt. Das 1849 entstandene Bild wurde 1945 wahrscheinlich zerstört. Das politische Engagement des Malers in der Pariser Commune ließ ihn nach deren Scheitern vor einem befürchteten Urteilsspruch in die Schweiz flüchten, wo er 1877 am in einem Ort am Genfer See starb.
Träumer und Romantiker
Hieß es vor rund dreißig Jahren (1978) im Städel "Courbet und Deutschland", so soll diesmal - laut Schirn-Direktor Max Hollein - "ein anderer Courbet" in den Mittelpunkt rücken. Der Courbet-Experte und Kurator Klaus Herding macht nicht den als revolutionärer Verfechter und Wegbereiter einer realistischen, sozial engagierten Malerei bekannten Künstler, sondern den Träumer und Romantiker zum Schwerpunkt seiner Untersuchung. Herding, der sich seit rund vierzig Jahren mit diesem Thema auseinandersetzt, hebt damit eine Seite des Malers hervor, die bislang noch nie Gegenstand einer Ausstellung war.
Aufenthalt in Frankfurt
Noch einen weiteren Grund gibt es, sich hier eingehender mit Courbet zu beschäftigen, der in den 1850er Jahren in Deutschland größere Erfolge feiern konnte als in seiner Heimat Frankreich. Vor allem zwischen ihm und Frankfurt besteht eine ganz persönliche Beziehung. Bereits 1852 war in der Stadt seine Arbeit "Ein Begräbnis in Ornans" zu sehen. Wobei das monumentale Gemälde heftige Debatten auslöste, galt es doch als unerhört, eine Szene wie ein dörfliches Begräbnis in der Art eines Historienbildes darzustellen. Gleichwohl fanden in der Folge weitere Ausstellungen seiner Bilder statt, und der kleine "Eklat" hinderte ihn keineswegs daran, sich hier ab September 1858 für einige Monate nieder zu lassen.
Schöne Dame vor waldiger Kulisse
In dieser Zeit schuf er einige bedeutende Werke, darunter die "Dame auf der Terrasse" und die "Dame de Francfort", die so genannte Frankfurter Dame, in romantischer Pose vor einer waldigen Kulisse. Welch andere "Skyline" sich zu damaliger Zeit einem Betrachter bot, lässt sich auf dem Bild "Vue de Francfort" erkennen, einer Stadtansicht von 1859 mit einem dominierenden Domturm und dem von einer alten Brücke überwölbten Main. Da sich Courbet außerdem als leidenschaftlicher Jäger gern im nahen Taunus tummelte, entstanden auch einige Jagdbilder. Darüber hinaus begründete er sogar eine Frankfurter Malerschule und übte entscheidenden Einfluss auf Künstler wie Hans Thoma und Mitglieder der Kronberger Malerschule aus.
Großzügige Leihgaben
Mit über hundert Werken von prominenten Leihgebern aus elf verschiedenen Ländern stellt die Schirn-Ausstellung nun den "träumerischen" Courbet vor. Eines der zentralen Gemälde im Rahmen dieses Themas ist "Die Mädchen an der Seine" aus dem Petit Palais in Paris. Sinnend, in entspannter Körperhaltung und vor einer poetischen Blumenwiese scheinen die beiden Gestalten ebenso wie "Die schlafende Spinnerin" weit fort von der Realität und in Gedanken versunken. Landschaftsbilder mit abgelegenen Feld- und Waldgebieten und Meeresbilder vermitteln Einsamkeit.
Stillleben scheinen in eine verwunschene Welt zu führen, in der die Maßstäbe der Außenwelt nicht mehr gelten. "Untätigkeit, Schlaf, Innenwendung, Versenkung spielen eine entscheidende Rolle", so Klaus Herding, "und letzteres bezieht sich sowohl auf Personen wie auf die äußere Natur". Mit welcher Intensität der Maler versucht, in die Innenwelt der Dinge einzudringen, lässt er einmal in seinem eigenen Satz "Ich bringe selbst die Steine zum Denken" erkennen.
Lore Kämper
| Link |
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| Schirn Kunsthalle Frankfurt |
07.10.2010
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